Andacht

Es ströme aber das Recht wie Wasser und die Gerechtigkeit wie ein nie versiegender Bach.

(Amos 5,24)

Lieber Leser, was ist für Sie Gerechtigkeit? Was ist für Sie Rechtsprechung? Bevor Sie weiterlesen, nehmen Sie sich mal 15 Minuten Zeit und denken darüber nach. Was ist Gerechtigkeit für Sie?

Die 15 Minuten sind um? Welche Gefühle und Emotionen kamen hoch, als Sie darüber nachgedacht haben?

Denn das Thema ist hoch emotional, denn jeder wünscht sich Gerechtigkeit. Und Gerechtigkeit wird von der Justitz erwartet. Vom Rechtsstaat, der sich ja um Recht, Gesetz und Gerechtigkeit bemühen soll. Oder doch nicht? Aber da sind wir bei dem Problem, dass es bei dem Thema Gerechtigkeit viel Unmut gibt. Wie kann das Gerechtigkeit genannt werden, wenn ein echter oder vermeintlicher Täter auf freien Fuß gesetzt wird? Steht ja manchmal in Zeitungen und Medien. Oder wie kann das sein, wenn jemand angeklagt wird, obwohl er nach unserem Empfinden nichts falsch gemacht hat? Mit diesen Gedanken steht der Rechtsstaat immer mehr in der Kritik, es sei Willkür, was „der Staat“ macht. Aber ist das wirklich Willkür? Oder unser Empfinden, was Gerechtigkeit ist?

Ich habe meine Sorge darum, ob die permanente Aufregung so gut ist für das gemeinsame Zusammenleben in unserem Land und Europa!? Und vor allem für unsere Seele und unser Gemüt!?

Vielleicht ist Amos ein kleiner Hinweis auf einen Ausweg. Ein kleiner Perspektivwechsel, der den Blick auf Gott richtet und uns – Sie, mich und auch den Rechtsstaat – entlastet. Denn ich glaube fast, dass Gerechtigkeit, hier auf dieser Welt zu erwarten, eine Überforderung ist. Mag ein Mensch noch so große, hehre Ziele haben und makellos sein. Gerechtigkeit ist meist ein subjektives Gefühl, was sich jeder wünscht. Aber das kann ein Mensch, Richter oder Staatsanwalt, nicht erreichen. Denn … er ist auch nur ein Mensch, wie Sie und ich. Jede Regierung besteht aus Menschen, die Fehler machen … wie Sie und ich. Vielleicht ist die Erwartung an Gerechtigkeit in dieser Welt eine komplette Überforderung an unseren Nächsten und an unsere eigene Seele. Denn die Gefahr besteht, dass aus Emotionen Rache wird. „Dem müssen wir es mal zeigen“. Also der persönliche Wunsch nach Gerechtigkeit wird zu einem Rachegedanken, „Wie du mir, so ich dir“. Aber das ist alles andere als Recht und Gerechtigkeit. Das ist Hass, in Rache verpackt und schließt Gott und seine Liebe komplett aus.

Denn wie Amos schreibt und erhofft, Gerechtigkeit kann es nur in und von Gott geben. Bei ihm in seinem Reich hier und in seiner Ewigkeit. Das könnte für uns bedeuten, den Gedanken „Ich will Gerechtigkeit“ bei Gott abzugeben: „Herr, du sollst Gerechtigkeit schaffen.“ Nach 5. Mose 32,35 spricht Gott: „Die Rache ist mein“. Also es ist die eindeutige Aufforderung Gottes, jede Emotion und Wunsch nach Gerechtigkeit zu Gott zu bringen. Weil nur er echte, wirkliche Gerechtigkeit schenken kann.

Vielleicht ist das auch der Zugang dazu, dass nach Amos „das Recht strömen soll, wie Wasser.“ Wenn ein Richter keine Gerechtigkeit schaffen muss, sondern „nur“ Recht spricht … dann ist das eine Entlastung. Recht als simple Eindämmung von Unrecht und Rache. Aber ist das nicht schon viel wert, wenn der Hass und Rachegedanke damit aufgehoben wird? Das heißt, es muss durch ein Urteil keine perfekte Welt entstehen.

Ich finde den Gedanken spannend die Gerechtigkeit allein Gott zu überlassen und im Recht keine Rache zuzulassen, was Paulus im 1. Korinther 10,24 schreibt: „Niemand suche das seine, sondern was dem anderen dient.“ Vielleicht fließt dann mit diesem Gedanken das Recht in Strömen und entlastet Herz und Seele, weil die Gerechtigkeit allein bei Gott liegt.

Ihr Daniel Parthey