Andacht

Liebe Leserinnen und Leser,

Es gibt eine Darstellung der Kreuzigung Jesu, die mich schon seit Jahren fasziniert: Der Isenheimer Altar von Mathias Grünewald. Diese Darstellung ist inspiriert von den Berichten des Johannesevangeliums, aber es ist darüber hinaus noch einiges mehr zu sehen. Rechts mit den Schriften in der Hand steht Johannes der Täufer. Auffällig der ausgestreckte Finger – unnatürlich lang ist dieser. Der Täufer weist auf Christus, so wie er auch auf in den Evangelien auf Jesus hingewiesen hat. Mit seinem Finger sagt er: „Das ist unser Retter“. Unten das unschuldige kleine weiße Opferlamm mit einem goldenen Kreuz als Zeichen der Macht und des Sieges über den Tod. Das Schandsymbol des Todes ist zum Lebenssymbol geworden. Das Blut des Lammes fließt in den Kelch – ein Zeichen für das Abendmahl. Aufgrund der Vorstellung von Christus als dem Opferlamm, das für uns starb, singen wir beim Abendmahl „Christe, du Lamm Gottes, der du trägst die Sünd der Welt, erbarm dich unser… Christe, du Lamm Gottes, der du trägst die Sünd der Welt, gib uns deinen Frieden.“ Links ist die Mutter Jesu mit fahlem Gesicht und leichenblassen Gewand, die betenden Hände ihrem Sohn entgegengestreckt. Gehalten wird sie von dem Lieblingsjünger. Diese beiden hatte Jesus kurz vor seinem Tod zusammengeführt, so wie er viele Menschen zusammenführte. Kniend dargestellt ist Maria Magdalena in üppiger Kleidung, Farbe und langen Haaren, mit emporgestreckten Händen. Sie ist eine Symbolfigur für das verzweifelte Ringen des Einzelnen um Gott. Und in der Mitte Christus: krampfhaft emporgestreckte Finger, ein verzerrter Körper, Wunden. Der Kopf ist herab gesunken auf den Körper. Hingerichtet und qualvoll gestorben.

Mit dieser Darstellung wagte der Künstler damals etwas Ausgewöhnliches. Das Bild von Jesus am Kreuz war zu diesem Zeitpunkt – tiefstes Mittelalter – nichts, was man leidvoll darstellen wollte, wenn man es überhaupt darstellte. Mathias Grünewald, Mönch in einem Kloster, wagte es so etwas Schmerzvolles, Leidvolles darzustellen und das auch noch als Altarbild, das im Gottesdienst angesehen wurde.

Dieses Altarbild ist in einem wichtigen Kontext zu sehen, denn es wurde von vielen damals betrachtet. Es waren nicht nur die Stiftsherren vorne in der Kirche und andere Gottesdienstbesucher, sondern es waren auch abgetrennt von ihnen wegen Berührungs- und Ansteckungsgefahr die Ärmsten der Armen. Gequält, zusammengepresst und verunstaltet sahen sie durch große Stäbe eines Gitters hindurch über die Priester hinweg zu ihrem leidenden Herren. Menschen mit Lepra, deren körperliche Erscheinung dem Zustand von Jesus ähnelte. Sie sehen auf Christus, sehen sein Leid, fühlen sich ihm nah und stehen in der Kreuzesnachfolge.

Kreuzesnachfolge meint nicht wie Christus sich ans Kreuz schlagen zu lassen, sondern meint das eigene Lebenskreuz auf sich nehmen, das niemand besser kennt als der Betroffene selbst und das selbstverständlich die Annahme seiner selbst und seines Schattens miteinschließt. Kreuzesnachfolge meint, im Risiko der eigenen Situation und in der Ungewissheit der Zukunft seinen eigenen Weg zu gehen nach der Wegweisung dessen, der den Weg vorausgegangen ist. Jeder steht in der Kreuzesnachfolge mit seinem eigenen Leben. Mit dem, was Schönes und vor allem Schweres geschieht. Aber eben mit Blick auf das Kreuz ist es mehr als nur ein Weg, denn es ist ein Weg mit und zu Gott.

Ich wünsche Ihnen eine

gesegnete Passions- und Osterzeit

Anne-Marie Beuchel

Pfarrerin in der Döbelner Region